Wenn Offenheit auf Struktur trifft. Psychologische Reflexionen über das Arbeiten im deutschen Institutionskontext
- Joselaine dos Santos Andrade

- 12. Juli 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 27. Juli 2025
Leben und Arbeiten zwischen den Welten
Arbeiten in einem Land, das nicht das eigene ist, bedeutet mehr als eine neue Sprache zu lernen. Es bedeutet, sich mit unausgesprochenen Regeln, kulturellen Erwartungen und sozialen Codes auseinanderzusetzen, die oft nicht erklärt, sondern vorausgesetzt werden.
Für viele brasilianische Fachkräfte, besonders im psychosozialen Bereich, ist die Erfahrung des Arbeitens in deutschen Institutionen ambivalent. Es gibt Offenheit für Diversität auf der Oberfläche aber wenig gelebte strukturelle Flexibilität, wenn es um andere kulturelle Sichtweisen auf Beziehung, Konflikt oder Teamdynamik geht.
Kulturpsychologische Reibungspunkte
Im brasilianischen Arbeitsverständnis ist es üblich, Nähe, Spontaneität und emotionale Resonanz in zwischenmenschlichen Beziehungen zu zeigen auch im Berufsleben. Strukturen sind da, aber sie werden oft zugunsten von Dialog und situativer Anpassung flexibel gehalten.
In vielen deutschen Institutionen hingegen erleben Fachkräfte eine hohe Formalität, Strukturorientierung und Rollenfixierung. Offenheit für Feedback oder Emotionen ist gewünscht aber nur bis zu einem gewissen Punkt, meist unter kontrollierten Bedingungen.
Diese Unterschiede führen zu Mikrospannungen, die sich über die Zeit aufbauen.
Die brasilianische Leidenschaft wird als zu emotional empfunden.
Die deutsche Zurückhaltung wirkt ausweichend oder abweisend.
Konstruktiver Konflikt wird verwechselt mit persönlichem Angriff.
Kollegialität wird mit Distanz verwechselt oder umgekehrt.
Drei psychologische Perspektiven auf die interkulturelle Spannung
Lernen durch Konsequenz
Aus verhaltenstherapeutischer Sicht prägt das Umfeld unsere Handlungsmuster durch Verstärkung und Sanktion.
Wenn emotionale Offenheit (z. B. „Ich bin gerade irritiert“) nicht aufgenommen oder sogar sanktioniert wird (z. B. durch Schweigen oder Rückzug), lernt das System: Emotion = Risiko.
Die Person passt sich an, aber der Preis ist Selbstverleugnung oder innerer Rückzug.
Kontakt braucht Resonanz
In der Gestalttherapie ist echter Kontakt nur möglich, wenn beide Seiten bereit sind, sich berühren zu lassen.
In einer Kultur, in der Ehrlichkeit zwar gefordert, aber emotionaler Ausdruck als zu privat gilt, bleibt Kontakt oft kognitiv, aber nicht lebendig.
Die Folge ist: Die Person ist zwar physisch da, aber innerlich auf Rückzug.
Der Andere als Spiegel des Eigenen
In der psychoanalytischen Perspektive erscheint die fremde Kultur oft als Projektionsfläche eigener innerer Konflikte.
Für die deutsche Struktur. Die brasilianische Emotionalität wirkt „unsicher“, weil sie die eigene Unfähigkeit zur emotionalen Beweglichkeit spiegelt.
Für die brasilianische Fachkraft. Die Struktur wirkt „kalt“, weil sie die Erfahrung von Nicht Gesehen Werden reaktiviert.
Was nicht ausgesprochen wird, wird agiert. Und das erzeugt Spannung im Arbeitsfeld.
Zwischen Anpassung und Integrität der emotionale Spagat
Als psychologische Fachkraft mit interkulturellem Hintergrund steht man oft in einem stillen Dilemma:
Anpassung
Integrität
Ich versuche, ins System zu passen.
Ich bleibe meiner Haltung treu.
Ich spreche weniger, um nicht „zu viel“ zu wirken
Ich spreche ehrlich und riskiere Missverständnisse.
Ich helfe überall, um Wert zu zeigen.
Ich setze Grenzen, um meine Rolle zu schützen.
Doch Crescer com Emoção , Wachsen mit Herz und Kopf bedeutet nicht, sich selbst aufzugeben.
Es bedeutet, Verantwortung für den eigenen Platz zu übernehmen, aber auch, den Mut zu haben, die Begrenzung des Systems zu benennen.
Was interkulturelle Präsenz leisten kann
Wer aus einer anderen Kultur kommt, bringt nicht nur „anders sein“ mit sondern eine andere Perspektive auf das, was für alle da sein könnte:
Offenheit im Umgang mit Emotionen.
Bereitschaft zur Beziehung auch außerhalb der Struktur.
Mut zur Reflexion, auch wenn sie unbequem ist.
In deutschen Institutionen braucht es nicht nur formelle Inklusion, sondern Raum für kulturelles Lernen auf Augenhöhe.
Und für Fachkräfte, die zwischen den Systemen leben, braucht es Selbstfürsorge, Klarheit und die Fähigkeit, nicht überall dazugehören zu müssen, um wertvoll zu sein.
Denn wachsen, com emoção, heißt auch
den eigenen Platz zu finden, selbst wenn er (noch) nicht vorgesehen ist.
Crescer com Emoção -
Mit Herz und Kopf wachsen





