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Wenn Gefahr näher ist, als wir denken, sexualisierte Gewalt gegen Jugendliche, ein Leitfaden für Eltern und Pädagog*innen

Sexualisierte Gewalt ist ein Thema, über das viele nur ungern sprechen und doch betrifft es uns alle. Jugendliche befinden sich in einer sensiblen Entwicklungsphase, in der sie Orientierung, Schutz und Vertrauen brauchen. Als Psychologin mit Erfahrung in beiden Kulturen, Brasilien und Deutschland, sehe ich, wie schwierig es oft ist, über Grenzen, Scham und Verantwortung zu sprechen.

Dieser Artikel bietet auf Grundlage aktueller Erkenntnisse der Universität Ulm sowie praktischer Erfahrung eine Orientierungshilfe für Eltern und Fachkräfte.


Was bedeutet sexualisierte Gewalt?

Sexualisierte Gewalt umfasst alle Handlungen, bei denen Sexualität zur Machtausübung oder zur Verletzung von Grenzen genutzt wird unabhängig davon, ob körperlicher Kontakt stattfindet oder nicht. Sie kann in Form von Sprache, Gesten, Online-Handlungen, Berührungen oder Zwang geschehen.

Wichtig ist: Sexualisierte Gewalt ist keine sexuelle Handlung, sondern eine Gewalthandlung mit sexuellem Bezug.


Jugendliche sind besonders gefährdet, weil sie sich in einer Phase befinden, in der sie ihre Identität und Sexualität erst entdecken. Sie suchen Nähe, Vertrauen und Anerkennung, genau das, was Täter*innen ausnutzen.


Frühe Warnzeichen erkennen

Eltern und Pädagog*innen sollten auf kleine Veränderungen achten, die auf Belastung hindeuten können:

  • Rückzug, Schweigen oder unerklärliche Stimmungsschwankungen

  • Angst vor bestimmten Personen oder Orten

  • Körperliche Symptome ohne medizinische Ursache (z. B. Bauchschmerzen, Schlafstörungen)

  • Übermäßige Sexualisierung in Sprache oder Verhalten

  • Scham, Schuldgefühle oder ein auffälliger Leistungsabfall


Diese Anzeichen allein beweisen nichts – sie sind Hinweise, die Aufmerksamkeit verdienen. Der wichtigste Schritt ist: hinschauen, zuhören und ernst nehmen.


Wie Eltern und Fachkräfte vorbeugen können


1. Offene Kommunikation fördern

Kinder und Jugendliche, die über ihren Körper, über Grenzen und Gefühle sprechen dürfen, sind besser geschützt.

Eltern können alltägliche Gespräche nutzen, um Fragen zu stellen wie:

„Wie fühlst du dich mit dieser Person?“ oder „Was bedeutet für dich, jemandem zu vertrauen?“


2. Ein sicherer Raum für Fragen

In Schule und Freizeit müssen Jugendliche spüren: Hier darf ich sprechen, hier werde ich ernst genommen.

Vertrauen entsteht, wenn Erwachsene nicht nur reden, sondern wirklich zuhören.


3. Selbstwert stärken

Ein stabiler Selbstwert ist der beste Schutzfaktor. Jugendliche, die ihre Grenzen kennen und sich selbst respektieren, sind weniger anfällig für Manipulation oder Abhängigkeit.

Lob, Anerkennung und konstruktives Feedback fördern diese Stärke.


4. Strukturen schaffen

Institutionen brauchen klare Schutzkonzepte:

  • Schulungen für Mitarbeitende

  • klare Meldewege bei Verdacht

  • transparente Kommunikation zwischen Elternhaus, Schule und Jugendhilfe


    Diese Maßnahmen werden u. a. in Fortbildungen der Universität Ulm empfohlen.


Was tun bei Verdacht?

Wenn Sie vermuten, dass ein Jugendlicher betroffen ist:

  1. Ruhe bewahren. Hören Sie zu, ohne zu drängen oder zu urteilen.

  2. Glauben Sie dem Kind oder Jugendlichen. Misstrauen oder Zweifel können zusätzlich verletzen.

  3. Sicherheit herstellen. Entfernen Sie die betroffene Person aus der möglichen Gefährdungssituation.

  4. Fachstellen einschalten. In Deutschland: Jugendamt, Polizei oder spezialisierte Beratungsstellen für sexualisierte Gewalt.

  5. Dokumentieren. Notieren Sie, was gesagt wurde, wann, von wem. Das hilft im weiteren Vorgehen.

Professionelle Unterstützung ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verantwortung.

Therapie, Beratung und Schutzmaßnahmen sind Teil eines Heilungsprozesses.


Sexualisierte Gewalt gegen Jugendliche ist ein komplexes, aber sprechbares Thema.

Schweigen schützt die Täter, Reden schützt die Kinder.

Eltern, Lehrerinnen und Pädagoginnen können viel bewirken, wenn sie den Mut haben, hinzusehen, zu fragen und zu handeln.

Prävention beginnt mit Bewusstsein und Bewusstsein beginnt mit Bildung, Empathie und offener Kommunikation.


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