Die Rolle der Psychologie im deutschen Versorgungssystem
- Joselaine dos Santos Andrade

- 13. Juli 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 27. Juli 2025
Von einer brasilianischen Psychologin, die in Deutschland lebt, arbeitet und beobachtet.
Die Arbeit als Psychologin in Deutschland bietet viele Chancen aber auch Reibungspunkte, besonders dann, wenn man aus einem anderen kulturellen Kontext kommt. Ich selbst habe Psychologie in Brasilien studiert, mit einer starken psychoanalytischen Prägung, ergänzt durch Weiterbildungen in Verhaltenstherapie, Gestalttherapie und Entspannungsverfahren hier in Deutschland. Diese doppelte Brille brasilianische Beziehungstiefe und deutsche Strukturklarheit prägt meine Wahrnehmung des Systems und meine Rolle darin.
Die Stärken des deutschen Systems, Struktur, Prävention, Vernetzung.
Das deutsche Versorgungssystem ist gut organisiert.
Die beruflichen Rollen sind deutlich voneinander abgegrenzt, Sozialpädagoginnen, Psychologinnen, Therapeut*innen, pädagogische Fachkräfte.
Diese Differenzierung hilft, Verantwortlichkeiten zu klären und Überforderung zu vermeiden auch wenn sie manchmal rigide wirkt.
Prävention ist kein „Extra“, sondern systemisch verankert, ob in Schulen, Jugendhilfe, BvB-Maßnahmen oder betrieblichen Gesundheitsprogrammen.
Es gibt gesetzliche Grundlagen, vertraglich definierte Aufgaben, Evaluation und Qualitätsstandards das schützt sowohl Klient*innen als auch Fachkräfte.
Zudem ist Netzwerkarbeit selbstverständlich: Fallbesprechungen, interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Jugendamt, medizinischen Diensten oder Trägerstrukturen gehören zum Alltag. Das schafft Transparenz und eine gewisse Sicherheit.
Interkulturelle Reflexion, was mir als Brasilianerin auffällt. Die Struktur ist beeindruckend aber manchmal steht sie über der Beziehung. In meinem Herkunftsland spielt die therapeutische Nähe eine zentrale Rolle.
Wir hören nicht nur zu wir spüren mit. In Deutschland hingegen wird oft Distanz mit Professionalität gleichgesetzt.
Diese kulturelle Spannung prägt auch die Rolle der Psychologin sie ist nicht nur Fachkraft, sondern auch Grenzgängerin zwischen Nähe und Rahmen.
Die Position von Psycholog*innen im medizinisch-sozialen System.
Psychologinnen ohne Approbation also ohne staatliche Zulassung zur Psychotherapie sind im deutschen Gesundheitssystem nur eingeschränkt einsetzbar. Der Zugang zu kassenfinanzierter Arbeit bleibt approbierten Psychotherapeutinnen vorbehalten. Für ausländische Kolleg*innen, selbst mit Masterabschluss und Erfahrung, bedeutet das Formale Qualifikationen zählen gelebte Kompetenz weniger.
Und dennoch, der Bedarf an psychologischer Expertise wächst.
Nach Pandemie, Migration, gesellschaftlichem Wandel und wachsender Belastung von Kindern und Familien ist psychologische Arbeit auch ohne Approbation gefragt in Reha Maßnahmen, Schulprojekten, Integrationsarbeit und betrieblichen Kontexten.
Tätigkeitsfelder (auch ohne Approbation):
Rehabilitationsprogramme (z. B. BvB Reha)
Schulpsychologie und Förderzentren
Betriebliche Gesundheitsförderung
Jugendhilfe, Wohngruppen, Schulbegleitung
NGOs und Projektarbeit
Diagnostik, Beratung und Coaching
Reflexion aus der Praxis. Ich arbeite mit Jugendlichen, deren Lebensrealität sich nicht in Diagnoseschlüsseln ausdrücken lässt. Sie brauchen Struktur aber auch Resonanz. Zwischen Testverfahren, Zielgesprächen und Entwicklungsberichten frage ich mich oft. Wo bleibt das Spüren, das gemeinsame Atmen im Therapieraum?
Diese Frage ist nicht systemkritisch gemeint sondern systemergänzend.
Was wir mitbringen und was wir lernen können
In Brasilien gilt die Psychologin oft als Beziehungsfachfrau jemand, der emotional mitschwingt, Nähe zulässt, auch wenn es unübersichtlich wird. In Deutschland wird methodisches Handeln, Dokumentation und Rollenklarheit stärker gewichtet. Beides hat seinen Wert und genau das ist unser interkulturelles Potenzial.
Wer mit beiden Sprachen der Struktur und der Beziehung vertraut ist, kann vermitteln:
zwischen Diagnostik und Intuition
zwischen fachlicher Distanz und menschlicher Nähe
zwischen Plan und Prozess
Ich sehe mein berufliches Sein heute als eine Art doppelte Zugehörigkeit. Ich arbeite in einem System, das klare Strukturen vorgibt, aber ich bleibe verbunden mit einer Haltung, die Begegnung, Verbindung und Flexibilität zulässt.
Denn echte Veränderung geschieht nicht nur durch Maßnahmen sondern durch Beziehung.
Zwischen Systemtreue und Beziehungskunst
Die Psychologie im deutschen Versorgungssystem ist professionell, wachsend und oft gut durchdacht. Aber sie braucht Luft zum Atmen vor allem dort, wo Menschen aus anderen Kulturen wirken und mitfühlen.
Wir, die zwischen Ländern und Sprachen leben, sind keine Ausnahme wir sind Brücken.
Und manchmal sind Brücken genau das, was ein System braucht, um sich weiterzuentwickeln.
Crescer com emoção -
Mit Herz und Kopf wachsen





