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Die Psychologie im brasilianischen Gesundheitssystem aus einer interkulturellen Perspektive

Von einer brasilianischen Psychologin mit Blick auf Deutschland


Als ich 2008 mein Psychologiestudium in Brasilien abgeschlossen habe, war mir nicht bewusst, wie sehr meine berufliche Identität durch kulturelle und strukturelle Kontexte geprägt ist. Erst durch meine Arbeit im deutschen sozialen System, besonders im pädagogischen Bereich, wurde mir klar, wie unterschiedlich psychologische Arbeit aussehen kann nicht nur in der Theorie, sondern vor allem im alltäglichen Umgang mit Menschen.


Ich möchte euch einen Einblick in das brasilianische Gesundheitssystem geben, die Rolle der Psychologie darin beleuchten und zugleich beschreiben, wie unterschiedliche psychologische Schulen (Verhaltenstherapie, Psychoanalyse und Gestalttherapie) in der Praxis präsent sind oder eben nicht. Und dabei auch meine persönlichen Eindrücke als Praktikantin in einem System teilen, in dem oft nicht das Störungsbild, sondern der Mensch im Moment im Vordergrund steht.


Das brasilianische Gesundheitssystem

Brasilien verfügt seit der Verfassung von 1988 über ein öffentliches, universelles Gesundheitssystem das SUS (Sistema Único de Saúde). Es ist theoretisch für alle da, kostenlos, inklusiv. In der Praxis ist es jedoch oft unterfinanziert, überfordert und stark von regionaler Politik abhängig.

Psycholog:innen arbeiten dort in verschiedenen Bereichen:

  • UBS (Unidades Básicas de Saúde) mit psychologischer Grundversorgung

  • CAPS (Centros de Atenção Psicossocial) für schwerere psychische Erkrankungen

  • CRAS & CREAS im sozialen Bereich

  • Schulen, Gefängnisse, NGOs, kirchliche Einrichtungen und Projekte


Theorie vs. Alltag

In den offiziellen Richtlinien ist Interdisziplinarität ein zentrales Prinzip. In der Realität hängt jedoch vieles von den Bedingungen vor Ort ab.

Ein Psychologe kann für eine ganze Gemeinde zuständig sein.

Es entstehen hier oft tiefe Bindungen und kreative Wege, Menschen zu erreichen besonders durch das, was ich als „affektive Präsenz“ bezeichne.

Verhaltenstherapie ist in Brasilien stark durch kognitive Verhaltenstherapie (KVT) geprägt, aber der Zugang im öffentlichen System ist begrenzt. Strukturelle Bedingungen (z. B. wenig Sitzungen, große Nachfrage) erschweren eine manualisierte Therapie.

Was jedoch bleibt, ist ein Fokus auf Psychoedukation, Stärkung von Copingstrategien und oft ein pragmatischer Zugang zu Ressourcen (hier sind die öffentlichen Institutionen gemeint).


In Brasilien ist die Psychoanalyse stark verbreitet besonders im privaten Sektor. Im öffentlichen Bereich jedoch dominiert oft eine soziopolitisch engagierte Psychoanalyse (z. B. inspiriert durch Lacan oder Fanon), die sich mit Subjektivität, Armut, Rassismus und kolonialen Wunden auseinandersetzt.

Die psychische Dynamik wird nicht reduziert auf ein Symptom sondern als Ausdruck eines historischen, emotionalen und sozialen Kontextes gelesen.

Diese Sichtweise ist zwar seltener im System verankert, hat aber gerade in NGOs, Schulen oder Gruppensettings ihren Platz gefunden. Sie betont:

  • das Hier-und-Jetzt,

  • die Beziehung zwischen Therapeut:in und Klient:in,

  • und die Selbstwahrnehmung im Kontakt.


In meiner eigenen Praxis ist es oft diese Haltung, die es mir ermöglicht, trotz Zeitdruck oder begrenzten Ressourcen menschlich präsent zu bleiben.


In meinem verpflichtenden Praktikum während der Ausbildung in Brasilien habe ich eine Art Supervision erlebt, die mich tief geprägt hat.

Wir arbeiteten oft ohne Diagnose, ohne Etikett.

Die Fragen waren andere:

„Was bringt diese Person heute mit?“

„Wie zeigt sich ihre Geschichte im aktuellen Kontakt?“

„Was erzählt ihr Schweigen, ihr Körper, ihr Blick?“

Es war weniger eine Störung, die behandelt wurde, sondern ein Dialog, der geführt wurde.

Diese formative Erfahrung hat mir gezeigt, wie wertvoll es ist, dem Menschen im Moment zu begegnen unabhängig von Klassifikation oder Pathologisierung.


Die Realität nach 2008, Fortschritte

  • Mehr Psycholog:innen im öffentlichen Dienst

  • Stärkung der Psychologie in sozialen Projekten und Schulen

  • Anerkennung kultureller und struktureller Unterschiede (z. B. schwarze, indigene Psychologie)

  • Akademische Ausweitung (mehr Forschung, mehr Master-Programme)


Vergleich mit Deutschland: Zwei Welten, eine Praxis?

In Deutschland erlebe ich die psychologische Arbeit oft formalisierter, strukturierter, kontrollierter mit klar definierten Rollen, Formularen und Erwartungen.

In Brasilien war es hingegen kreativer, beziehungsorientierter und manchmal chaotisch, aber auch tiefgründig.


Weniger Plan mehr Präsenz.

Weniger Struktur mehr Menschlichkeit.


Und genau diese Mischung Struktur und Beziehung, Wissenschaft und Affekt versuche ich heute in meiner Arbeit in Deutschland zu leben.


Zwischen zwei Systemen wachsen

Als Psychologin mit Wurzeln in der Peripherie von São Paulo und beruflichem Alltag in Deutschland habe ich gelernt, dass keines der Systeme perfekt ist. Aber beide haben etwas zu geben.

Die brasilianische Psychologie bringt Tiefe, Wärme, Widerstandskraft.

Die deutsche Psychologie bringt Struktur, Forschung, Anerkennung.

Und vielleicht liegt mein Weg und der vieler anderer internationaler Kolleg:innen genau zwischen diesen Welten:


Crescer com emoção -

Mit Herz und Kopf wachsen.

 
 
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